archiv raumzeit

This is my architecture & design graduation work from my studies at the art academy in Stuttgart, Germany.

1 Vision:
Zu Beginn dieser Arbeit steht der abstrakte Wunsch einen archaischen Körper der Architektur in seiner Vergänglichkeit und Beständigkeit, in seinem Erhalt und seinem Verfall zu zeigen. Es ist der Wunsch, das Gebaute in Raum und Zeit zu setzen und an die Rhythmen der Natur zu koppeln. Anvisiert ist ein Konstrukt, das Raum und Zeit verbindet, und ein Nutzer oder Komplize, der sich dieser Schnittstelle bedient.

2 Ort:
Bei der Verortung dieser Vision habe ich mich grundsätzlich und bewußt gegen einen Neubau entschieden. Der sparsame Umgang mit Ressourcen und der Umgang mit dem Gegebenen sollen als Grundvoraussetzungen für jede Architektur gelten.
Auf der Suche nach großen, ungenutzten Bauwerken, die geeignet erschienen, das oben beschriebene Experiment an und in sich zu tragen, tendierte ich schnell zu verlassenen Schwerindustriebauten und Bunkern. Letztlich stieß ich auf den einzigartigen U-Boot-Bunker „Valentin“ in Bremen-Farge, ein Gebäude von immenser Größe, gebauter Dauerhaftigkeit und von erschütterndem, archaischem Ausdruck.
Inmitten landwirtschaftlich genutzter Flächen und flankiert von der Weser scheiterte hier in den letzten beiden Kriegsjahren des zweiten Weltkrieges, der letzte Versuch des nationalsozialistischen Regimes, durch die Massenproduktion von U-Booten den Krieg zu gewinnen. Der Bau dieser Bunkerfabrik begann im Sommer 1943 und wurde über die Dauer von zwei Jahren von mehr als zehntausend Zwangsarbeitern vorangetrieben. Die Fertigstellung und Inbetriebnahme der Fabrik konnte nie als wahrscheinlich gelten und wurde nie erreicht. Resultat dieses Unterfangens ist eines der wahrscheinlich irrealsten Relikte aus der Zeit des Nationalsozialismus. Heute steht an besagter Stelle ein enormer, monolithischer Koloss aus Stahlbeton. Mit einer Länge von 400m und einer Breite von 90m ragt er bis zu 35m in die Höhe und birgt hinter massiven Wänden gewaltige, leere Hallen.

Seit 1963 findet man das Bunkerinnere zweigeteilt. Umzäunt von der deutschen Bundeswehr und in deren Besitz, wird die Osthälfte als Marinelager genutzt. Sie wurde durch eine Wand von der Westhälfte getrennt und für die neue Nutzung instand gesetzt. Das Dach wurde geschlossen und im Innenraum Licht und Strom installiert.
Der westliche Teil des Bunkers wurde zu Kriegsende von mehreren Bomben durchbrochen und unnutzbar gemacht. Er birgt drei Wasserbecken und hat mehrere Öffnungen ins Freie, die von gigantischen torähnlichen Aussparungen bis zu türgroßen Gängen durch die 4,5m dicken Wände führen. Das Dach ist auf dieser Seite dicht mit Gräsern, Büschen und kleinen Bäumen bewachsen, in denen Seevögel nisten. In manchen Bombenkratern sammelt sich Wasser. Der gesamte ruinöse Teil zeigt sich als tiefes, begehbares Relief. Mit seinen Öffnungen und Aussparungen, dem Innenraum als umbaute Landschaft, seinen Wasserbecken, den Übergängen zwischen Innen und Außen, dem vegetativen Dach und dem umgebenden Baumbewuchs, kann man sich dem Bauwerk wie einer rätselhaften Ruine nähern. Der Bunker ist heute ein verzauberter Ort, der mit seiner erschreckenden Vergangenheit, heute Ruhe und Frieden ausstrahlt. Er ist eine einzigartige Verbindung mit Flora und Fauna eingegangen und stellt einen außergewöhnlichen, schützenswerten Lebensraum dar.

3 Aktivierung:
Ende 2010 wird das Marinelager aufgelöst und befindet sich bereits jetzt in der Räumung. Nach der Auflösung ist der Bunker zunächst ungenutzt. Eine Planung des Landes Bremen sieht vor, den Bunker zu einer bundesweit bedeutsamen Gedenkstätte zu machen.
Ich schlage für das Bauwerk aufgrund seiner besonderen Potentiale eine andere Nutzung vor. Mein Gegenentwurf stellt den Versuch dar, den Bunker nicht in eine museale Starre zu versetzen, sondern ihn durch eine zukunftsweisende Aktivierung neu zu beleben und das Bauwerk zugleich für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Durch das Lesen seines heutigen Zustandes und durch ein sensibles Aufspüren und Bearbeiten charakteristischer Züge entsteht ein neuartiges Langzeit-Archiv als Schnittstelle zwischen Raum und Zeit, Erhalt und Verfall, Arbeit und Besuch, dem Ort und dem Ganzen. Aus der ursprünglichen Schutzraum-Funktion des Bunkers ergibt sich das neue Programm. Der Inhalt des Archives ergibt sich aus der starken Verknüpfung zwischen Bauwerk und dem örtlichen Biotop. Eine Wandelhalle der Wissens zur „Biosphäre Erde“ entsteht. Ein Archiv also über die Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen unseres Planeten, über das Klima und die drei Geosphären Erde, Luft, Wasser. Eine Datenbank unseres Lebensraumes von den anfänglichen naturkundlichen und geographischen Aufzeichnungen Darwins und Humboldts, bis zum DNA-Code heutiger biologischer Untersuchungen.

Das Archiv wird vom „Institut RaumZeit“ betrieben, befüllt und gepflegt, das sich auf 12.000 m² im dreistöckigen Ostende des Bunkers befindet. Es bietet Raum für Arbeitsplätze, Büros, Labore, Forschungsräume, Werkstätten, Serverräume und die Produktionsstraßen zur Digitalisierung und RGB-Microverfilmung des Wissens und ist mit dem vorgeschalteten Container-Terminal verbunden, das zu digitalisierende Container voll analogem Wissen Verwaltet.
Neben dem Archiv erschließt ein öffentlicher Weg das Bauwerk und das gesammelte Wissen. Er führt durch alle Teile des Bunkers und koppelt an drei Stationen (Erde, Luft und Wasser) thematisch das „Biotop Bunker“ an den Inhalt des Archives. Mit dem Verlassen des Weges besteht zusätzlich die Möglichkeit über das unveränderte Trümmerfeld des Bunkerbodens drei Geschichtsmulden zu betreten. Hier wird über die Opfer, die Geschichte und das Bauwerk informiert.

Mar 2010