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Archiv RaumZeit -
Erhalt und Verfall
Aktivierung des U-Boot-Bunkers Valentin in Bremen
Farge
Stuttgart 2010 | Diplomarbeit Architektur & Design an der ABK Stuttgart
| Pläne | Modell | 3D Visualisierung
1 Vision:
Zu Beginn dieser Arbeit steht der abstrakte Wunsch einen archaischen
Körper der Architektur in seiner Vergänglichkeit und Beständigkeit,
in seinem Erhalt und seinem Verfall zu zeigen. Es ist der Wunsch, das
Gebaute in Raum und Zeit zu setzen und an die Rhythmen der Natur zu
koppeln. Anvisiert ist ein Konstrukt, das Raum und Zeit verbindet, und
ein Nutzer oder Komplize, der sich dieser Schnittstelle bedient.
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Uboot-Bunker Valentin | 2010 |
2 Ort:
Bei der Verortung dieser Vision habe ich mich grundsätzlich und
bewußt gegen einen Neubau entschieden. Der sparsame Umgang mit
Ressourcen und der Umgang mit dem Gegebenen sollen als Grundvoraussetzungen
für jede Architektur gelten.
Auf der Suche nach großen, ungenutzten Bauwerken, die geeignet
erschienen, das oben beschriebene Experiment an und in sich zu tragen,
tendierte ich schnell zu verlassenen Schwerindustriebauten und Bunkern.
Letztlich stieß ich auf den einzigartigen U-Boot-Bunker Valentin
in Bremen-Farge, ein Gebäude von immenser Größe, gebauter
Dauerhaftigkeit und von erschütterndem, archaischem Ausdruck.
Inmitten landwirtschaftlich genutzter Flächen und flankiert von
der Weser scheiterte hier in den letzten beiden Kriegsjahren des zweiten
Weltkrieges, der letzte Versuch des nationalsozialistischen Regimes,
durch die Massenproduktion von U-Booten den Krieg zu gewinnen. Der Bau
dieser Bunkerfabrik begann im Sommer 1943 und wurde über die Dauer
von zwei Jahren von mehr als zehntausend Zwangsarbeitern vorangetrieben.
Die Fertigstellung und Inbetriebnahme der Fabrik konnte nie als wahrscheinlich
gelten und wurde nie erreicht. Resultat dieses Unterfangens ist eines
der wahrscheinlich irrealsten Relikte aus der Zeit des Nationalsozialismus.
Heute steht an besagter Stelle ein enormer, monolithischer Koloss aus
Stahlbeton. Mit einer Länge von 400m und einer Breite von 90m ragt
er bis zu 35m in die Höhe und birgt hinter massiven Wänden
gewaltige, leere Hallen.
Seit 1963 findet man das Bunkerinnere zweigeteilt. Umzäunt von
der deutschen Bundeswehr und in deren Besitz, wird die Osthälfte
als Marinelager genutzt. Sie wurde durch eine Wand von der Westhälfte
getrennt und für die neue Nutzung instand gesetzt. Das Dach wurde
geschlossen und im Innenraum Licht und Strom installiert.
Der westliche Teil des Bunkers wurde zu Kriegsende von mehreren Bomben
durchbrochen und unnutzbar gemacht. Er birgt drei Wasserbecken und hat
mehrere Öffnungen ins Freie, die von gigantischen torähnlichen
Aussparungen bis zu türgroßen Gängen durch die 4,5m
dicken Wände führen. Das Dach ist auf dieser Seite dicht mit
Gräsern, Büschen und kleinen Bäumen bewachsen, in denen
Seevögel nisten. In manchen Bombenkratern sammelt sich Wasser.
Der gesamte ruinöse Teil zeigt sich als tiefes, begehbares Relief.
Mit seinen Öffnungen und Aussparungen, dem Innenraum als umbaute
Landschaft, seinen Wasserbecken, den Übergängen zwischen Innen
und Außen, dem vegetativen Dach und dem umgebenden Baumbewuchs,
kann man sich dem Bauwerk wie einer rätselhaften Ruine nähern.
Der Bunker ist heute ein verzauberter Ort, der mit seiner erschreckenden
Vergangenheit, heute Ruhe und Frieden ausstrahlt. Er ist eine einzigartige
Verbindung mit Flora und Fauna eingegangen und stellt einen außergewöhnlichen,
schützenswerten Lebensraum dar.



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Aktivierung:
Ende 2010 wird das Marinelager aufgelöst und befindet sich bereits
jetzt in der Räumung. Nach der Auflösung ist der Bunker zunächst
ungenutzt. Eine Planung des Landes Bremen sieht vor, den Bunker zu einer
bundesweit bedeutsamen Gedenkstätte zu machen.
Ich schlage für das Bauwerk aufgrund seiner besonderen Potentiale
eine andere Nutzung vor. Mein Gegenentwurf stellt den Versuch dar, den
Bunker nicht in eine museale Starre zu versetzen, sondern ihn durch
eine zukunftsweisende Aktivierung neu zu beleben und das Bauwerk zugleich
für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Durch das Lesen seines heutigen Zustandes und durch ein sensibles Aufspüren
und Bearbeiten charakteristischer Züge entsteht ein neuartiges
Langzeit-Archiv als Schnittstelle zwischen Raum und Zeit, Erhalt und
Verfall, Arbeit und Besuch, dem Ort und dem Ganzen. Aus der ursprünglichen
Schutzraum-Funktion des Bunkers ergibt sich das neue Programm. Der Inhalt
des Archives ergibt sich aus der starken Verknüpfung zwischen Bauwerk
und dem örtlichen Biotop. Eine Wandelhalle der Wissens zur Biosphäre
Erde entsteht. Ein Archiv also über die Tiere, Pflanzen und
Mikroorganismen unseres Planeten, über das Klima und die drei Geosphären
Erde, Luft, Wasser. Eine Datenbank unseres Lebensraumes von den anfänglichen
naturkundlichen und geographischen Aufzeichnungen Darwins und Humboldts,
bis zum DNA-Code heutiger biologischer Untersuchungen.


Das Archiv wird vom Institut RaumZeit betrieben, befüllt
und gepflegt, das sich auf 12.000 m² im dreistöckigen Ostende
des Bunkers befindet. Es bietet Raum für Arbeitsplätze, Büros,
Labore, Forschungsräume, Werkstätten, Serverräume und
die Produktionsstraßen zur Digitalisierung und RGB-Microverfilmung
des Wissens und ist mit dem vorgeschalteten Container-Terminal verbunden,
das zu digitalisierende Container voll analogem Wissen Verwaltet.
Neben dem Archiv erschließt ein öffentlicher Weg das Bauwerk
und das gesammelte Wissen. Er führt durch alle Teile des Bunkers
und koppelt an drei Stationen (Erde, Luft und Wasser) thematisch das
Biotop Bunker an den Inhalt des Archives. Mit dem Verlassen
des Weges besteht zusätzlich die Möglichkeit über das
unveränderte Trümmerfeld des Bunkerbodens drei Geschichtsmulden
zu betreten. Hier wird über die Opfer, die Geschichte und das Bauwerk
informiert.







Das gesammelte und digitalisierte Wissen wird auf Mikrofilm geschrieben
und zur Langzeitarchivierung in die Wissenszellen sortiert.
Sie bilden in ihrem hängenden Verbund die Wissenswolke,
die mit fortschreitendem Alter immer weiter in den Bunker wächst.
Die Wolke bildet ein ständig bewegtes, direktes Abbild des gesammelten
Wissens. Sie ist Lebensraum für Roboter wie den Maurer
und die Sekretäre, die sich für die schwere Arbeit
des groben Umschichtens von außen und des stetigen Pflegens von
innen, langsam und lautlos an und in der Wolke bewegen.
Der Bunker bekommt Leben eingehaucht. Er beginnt neu zu pulsieren und
wird zu einem einzigartigen Arbeits-und Erlebnisraum, wobei das Gefühl
der Andacht nicht durch das Spektakel in Bedrängniss gerät.
Der Bunker bleibt ein Raum der Erinnerung, neu angereichert mit altem
und neuem Wissen über Mutter Erde.



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